Weißkirch an der Großen Kokel

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Weißkirchan der Großen Kokel

Eine siebenbürgisch-sächsische Gemeinde im Kreis Mureș, durchquert von der Großen Kokel — zweimal gegründet, geprägt von einer Geschichte, die bis ins Jahr 1231 zurückreicht.

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Weißkirch im Überblick

Eine Gemeinde, neun Dörfer, eine bewegte Geschichte zwischen Sachsen, Rumänen und Ungarn.

Mureș
Kreis · Rumänien
1231
Erste Erwähnung
5 km
Entfernung Schäßburg
9
Dörfer in der Gemeinde
E60
Europastraße
Târnava
Fluss · Große Kokel
1440
Wehrkirche erbaut
1899
Sächsische Neusiedlung

Weißkirch bei Schäßburg an der Großen Kokel ist als sächsische Siedlung zweimal gegründet worden. Das erste Mal im 13. Jahrhundert und das zweite Mal vor über 100 Jahren. Wieso erfolgte die Zweitbesiedlung im Jahre 1899?

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Die erste sächsische Gründung

Die ursprüngliche Siedlung wurde im Zuge der deutschen Kolonisation Siebenbürgens am Anfang des 13. Jahrhunderts gegründet. Die Ortschaft wird erstmals im Jahre 1231 als „Alba ecclesia" erwähnt und befand sich im Besitz der Adligen Conrad und Daniel, Söhne des Johann Latinus, der außer grundherrschaftlichen Besitzungen einen ausgedehnten Fernhandel betrieb.

Weißkirch dürfte somit wie viele Gemeinden des Zwischenkokelgebietes von Anfang an eine grundherrschaftliche, auf Komitatsboden gelegene Ortschaft gewesen sein. Sie gehörte dem Albenser, später dem Oberalbenser Komitat an, das aus lauter Enklaven bestand, die verstreut zwischen freien Gemeinden des Königsbodens lagen.

Die Weißkircher erfreuten sich somit nicht der Privilegien der freien Bewohner des Sachsenbodens. Sie waren ihren Grundherren unterstellt und zur Leistung von Abgaben verpflichtet.

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Die Haller-Familie und das Schloss

Nach dem Geschlecht des Johann Latinus war Weißkirch nacheinander im Besitz mehrerer sächsischer Erbgrafen. Auch die Mönche des Schäßburger Dominikanerklosters besaßen zeitweilig die Hälfte von Weißkirch und die dortige, an der Kokel gelegene Mühle.

Im Jahre 1552 erwarb Peter Haller, der bekannte Sachsengraf und Unternehmer, Weißkirch. Die Haller stammten aus Nürnberg und haben mit ihren dortigen Anverwandten jahrhundertelang die Verbindung aufrecht gehalten. In Siebenbürgen sind sie bereits in der zweiten Generation in den ungarischen Adel aufgestiegen.

In Weißkirch errichteten sie im 17. Jahrhundert ein prunkvolles Schloss, zu dem später ein Park mit exotischen Pflanzen, eine Orangerie und ein Treibhaus hinzukamen. Die Ruine des Schlosses wurde in den 1950er Jahren niedergerissen.

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Wehrkirche, Reformation und das Erlöschen der Sachsen

Die Sachsen von Weißkirch gehörten nach ihrer Ansiedlung kirchlich dem Kisder (Keisder) Kapitel an. Die jetzige, in der Ortsmitte stehende reformierte Kirche bauten sie wahrscheinlich anstelle eines älteren „weißen" Kirchleins im Jahre 1440, wie eine Inschrift über dem Portal bezeugt.

Wie der heute noch stehende Turm erkennen lässt, war es eine Wehrkirche, die auf einer kleinen Anhöhe stand. Auf einer Zeichnung aus dem Jahre 1818 ist unter dem Turmdach der für sächsische Kirchenburgen charakteristische, offene Wehrgang sichtbar.

Wie auch in anderen Gemeinden der Umgebung erlischt in Weißkirch Ende des 16. oder spätestens Anfang des 17. Jahrhunderts die sächsische Einwohnerschaft. In der Gemeinde lassen sich rumänische Bauern nieder. Später entsteht auch eine Zigeunerkolonie. Am Hofe der Haller waren ungarische Verwalter und Dienstpersonal beschäftigt.

Wie der heute noch stehende Turm erkennen lässt, war es eine Wehrkirche, die auf einer kleinen Anhöhe stand.

Über die Wehrkirche · erbaut 1440
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Die Schlacht von 1849 und der Tod Petőfis

In der Ebene zwischen Schäßburg und Weißkirch fand am 31. Juli 1849 die entscheidende Schlacht zwischen dem ungarischen Revolutionsheer unter General Josef Bem und einem russischen, gegenrevolutionären Interventionsheer unter General Lüders statt.

In dieser Schlacht wurden die Ungarn nicht nur geschlagen, sondern verloren auch ihren bekannten Dichter Sándor Petőfi. In der Schlacht fiel auch der deutsche Publizist Anton Kurz, der sich dem ungarischen Heer in Kronstadt angeschlossen hatte.

31.07.1849

Die Schlacht zwischen Schäßburg und Weißkirch

Das ungarische Revolutionsheer unter General Bem unterlag den russischen Truppen. Der ungarische Nationaldichter Sándor Petőfi und der deutsche Publizist Anton Kurz fielen auf dem Schlachtfeld vor den Toren Weißkirchs.

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Karl Wolff und die Wiedergründung 1899

Nach der 1848 erfolgten Bauernbefreiung konnten sich die Hallers an die neue Wirtschaftsweise mit Pacht und Lohnarbeitern nicht anpassen. Zudem gab es Unstimmigkeiten zwischen den beiden Brüdern Franz und Joseph Haller. Das führte schließlich dazu, dass ihr Gut um 1880 unter den Hammer kam.

Die eine Hälfte des Hallergutes kaufte schließlich der ungarische Staat, den anderen Teil die „Siebenbürger Vereinsbank" aus Hermannstadt. Der ungarische Staat parzellierte den erworbenen Boden und teilte ihn 33 angesiedelten ungarischen Familien zu. Der von der Vereinsbank gekaufte Besitz diente der von Karl Wolff betriebenen sächsischen Innerkolonisation.

Durch solche Bodenkäufe sollten verarmten sächsischen Bauernfamilien neue Existenzmöglichkeiten geschaffen und vor allem die Amerikaauswanderung eingedämmt werden, denn um 1900 waren bereits etwa 20.000 Sachsen in die Staaten gegangen.

Karl Wolff begab sich an einem Sommersonntag des Jahres 1899 in mehrere Gemeinden des Zwischenkokelgebietes. Die Werbekampagne hatte Erfolg. Seinem Ruf folgten noch im selben Jahr nach Weißkirch die ersten Siedler aus Maniersch, Zendersch, Zuckmantel, Felldorf, Marienburg und sogar aus Schäßburg. Ende 1900 waren es 100 Personen.

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Aufbau einer neuen sächsischen Gemeinschaft

Den Siedlern wurde der Boden von der Vereinsbank unter sehr günstigen Bedingungen verkauft. Die Sachsen bildeten zahlenmäßig in ihrer neuen Heimatgemeinde eine Minderheit, die im Jahre 1910 bloß 188 Seelen zählte bei einer Gesamtbevölkerung von 2.049 Personen.

Den Grundstock der sächsischen Gemeinschaft bildeten etwa 40 Großfamilien auf ebensovielen Höfen, die auf zwei Siedlungsblocks verteilt waren — ein Teil südlich des gewesenen Haller-Gartens (das „niederste Ende") und der andere Teil an der Ostausfahrt der Gemeinde (das „oberste Ende").

Den größten Anteil der Neusiedler stellte Maniersch, so dass Weißkirch als dessen Tochtersiedlung anzusehen ist. Nach anfänglicher starker Mundartmischung setzte sich allmählich der Manierscher Dialekt in etwas weicherer Ausdrucksweise als Weißkircher Sächsisch durch.

Die Neusiedler konstituierten sich am 23. November 1899 als evangelische Diasporagemeinde. Im Jahre 1927 entschloss sich die Kirchengemeinde zum Bau eines Saales und einer neuen Schule. Mit Hilfe der evangelischen Landeskirche und des Gustav-Adolfs-Vereins konnte der Bau 1930 fertiggestellt und in Anwesenheit von Bischof Friedrich Teutsch eingeweiht werden.

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Krieg, Deportation und Enteignung

Bis 1943 wurden 25 sächsische Wehrpflichtige zur Waffen-SS und Wehrmacht eingezogen. Davon sind zehn gefallen oder blieben vermisst. Von den anderen kehrten bloß fünf aus der Kriegsgefangenschaft in ihre Heimatgemeinde zurück. Für die sächsischen Mädchen dieser Generation gab es infolgedessen keine sächsischen Heiratspartner.

Vor Kriegsbeginn zählte die sächsische Gemeinde bei einer Gesamtbevölkerung von 2.495 Einwohnern 245 Personen.

Im Januar 1945 wurden insgesamt 39 sächsische arbeitsfähige Frauen und Männer zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Es folgte im März 1945 die Enteignung des gesamten landwirtschaftlichen Besitzes.

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Wiederaufbau und die zweite Welle der Siedler

Erst nachdem die letzten Russlandverschleppten 1949 heimgekehrt waren und die speziellen Repressivmaßnahmen gegen die Deutschen Rumäniens um 1950 eingestellt wurden, erholten sich die Weißkircher allmählich von diesen schweren Schlägen.

Als vorteilhaft erwies sich dabei die bloß fünf Kilometer entfernte Stadt Schäßburg, in deren Fabriken und sonstigen Unternehmen Frauen und Männer Arbeit fanden. Das Berufsprofil änderte sich — aus Bauern wurden Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter, während nicht wenige auch eine höhere Ausbildung erwarben.

Weißkirch wurde wegen seiner Stadtnähe ein attraktiver Niederlassungsort. Die Gemeinde erlebte eine zweite Welle von sächsischen Neusiedlern, die meisten durch Einheiraten. Die sächsische Bevölkerung wuchs von 234 im Jahre 1949 auf 318 im Jahre 1962, um 1970 den Höchststand mit 407 zu erreichen.

Es wurde Theater gespielt, Bälle organisiert, zu Peter und Paul das Kronenfest gefeiert, Richttage abgehalten, sich am Fasching gefreut, zu Ostern am Hasenschlagen und Bespritzen.

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Aussiedlung — Das endgültige Ende

In den 1970er Jahren als der kommunistische Druck und die Misswirtschaft zunahmen, wobei die nationalistisch-kommunistische Politik Rumäniens die völkische Existenz der Sachsen gefährdete, begann die Aussiedlung in die Bundesrepublik.

Heute leben in der Gemeinde nur noch sechs Sachsen. Damit hört das sächsische Weißkirch ein zweites Mal, und zwar endgültig auf zu bestehen.

In der Bundesrepublik gründeten die Weißkircher 1983 eine Heimatortsgemeinschaft, die jedes zweite Jahr in Nürnberg, wo die meisten von ihnen sich niedergelassen haben, ein Treffen organisiert und alljährlich einen „Weihnachtsboten" herausgibt.

1997 konnte die HOG ein von Michael Kroner und Rosemarie Ludwig verfasstes Heimatbuch unter dem Titel „Weißkirch. Eine siebenbürgische Gemeinde an der Großen Kokel" herausgeben. Die HOG zählt rund 230 Mitglieder, die heute in etwa 70 Gemeinden und Städten Deutschlands, Österreichs und der USA ein neues Zuhause gefunden haben.

MK
Dr. Michael Kroner Verfasst von dem Initiator und ersten Vorstandsvorsitzenden der HOG Weißkirch

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